Arbeiter? Klasse. Mit der Mütze zu Besuch bei Brooks in Birmingham.
Wer heute bei Google nach „Brooks Werk England“ sucht, bekommt die Basics via KI direkt auf den Screen: ca. 22 Mitarbeiter*innen produzieren im Stammwerk in Smethwick nahe Birmingham jährlich ca. 100.000 lederne Sättel. Britische Handwerkskunst trotz wechselvoller Geschichte. Doch ein Besuch vor Ort hat ein viel größeres Universum geöffnet. Was viel mit der Historie von Brooks, aber auch mit der eigenen Geschichte zu tun hat.

Heavy Metal
Metallverarbeitung hat in Birmingham und Umland eine lange Tradition, bereits im 16. Jahrhundert galt die örtliche Schmiedekunst als außergewöhnlich. Mit der Industrialisierung etablierte sich Birmingham als Waffenbau-Hochburg, Rüstungsunternehmen und Stahlindustrie schufen zahlreiche Arbeitsplätze, auch für den hohen Anteil an Einwanderern, die aus dem gesamten Commonwealth nach England kamen. Heute ist die „City of a thousand trades“ eine der ethnisch vielfältigsten Städte Englands, ein Umbau zur Dienstleistungsmetropole hat längst stattgefunden. Auch wenn die Stadt nicht im Geld schwimmt, so steigen die Immobilienpreise an, große Baukräne bestimmen die Silhouette, es tut sich etwas. Man wird immer hin und her gerissen zwischen wirklich beeindruckenden Gebäuden und eher ramponierten Ecken, die weniger in Würde altern, sondern zeigen, dass die Schere zwischen den Gesellschaftsschichten in England noch weiter aufgegangen ist als in Deutschland.

Am Abend schlendert man durch Gassen entlang alter Kanäle, die nicht von ungefähr an Peaky Blinders erinnern, alte Industrieimmobilien sind heute Heimat von Clubs, Brauereien und Restaurants. Die Stadt kokettiert ein wenig mit dem toughen Image, neben immer wiederkehrenden Shelby-Verweisen wird auch den anderen harten Jungs der Stadt gedacht: Black Sabbath. Eine Brücke in der Innenstadt zollt der Band Respekt, im Hauptbahnhof New Street Station wackelt der Oversized-Steampunk-Bulle Ozzy von Zeit zu Zeit mit dem Kopf. Die Musikkultur der Stadt hat auch etwas mit dem Ort selbst zu tun, neben Black Sabbath kommen mit Judas Priest und Napalm Death weitere Metal-Legenden aus der Stadt. Doch auch die multikulturelle Ebene Birminghams hat zu einer beeindruckenden musikalischen Vielfalt beigetragen, Steel Pulse, UB40, Dexy Midnight Runners, Electric Light Orchestra, Moody Blues, Duran Duran, Swell Maps und Rockers Hi-Fi haben sich hier gefunden.
Welcome to Brooks England
Vom Zentrum Birminghams raus sind es mit der Bahn ca. 5 Kilometer bis nach Smethwick, dem Standort von Brooks. Beim Bummel quer durchs gut runtergerockte Industriegebiet passiert man zahlreiche Schrotthändler und Autowerkstätten aka Schrauberbuden, die perfekte Locations für Guy Ritchies Gangstergrotesken abgeben würden. Das Firmengelände und Gebäude der legendären Marke wirken eher dezent, hinter den Mauern könnte alles produziert werden. Tür auf, ab durch einen kleinen rustikalen Durchgang mit Gründerbildern und alten Sätteln und plötzlich steht man in einer Produktionshalle, die mich selbst mal eben um 45 Jahre in meine eigene Zeit als Gürtler-Lehrling Anfang der 80er zurückversetzt. Brooks, gegründet 1866, mein alter Iserlohner Lehrbetrieb Hermann Sprenger, gegründet 1872, erzeugen zwar unterschiedliche Produkte, aber der Maschinenpark in vermacktem grün, die Geräuschkulisse, der vernarbte Hallenboden, Lagerkästen, Werkzeuge und Gestelle, die einzelnen Arbeitsplätze, mein Time-Tunnel ist perfekt. Dazu der Geruch, diese ganz spezielle Mischung aus erhitztem Metall und verbranntem Öl, bei Brooks natürlich noch ergänzt durch frisches Leder. Hier atmet man Handwerksgeschichte, weit weg von modernen, cleanen und effektiven Produktionsstandorten. Eigentlich kommt man nicht mal auf die Idee, ein solches Wort zu nutzen, weil Fabrik es einfach besser beschreibt.

Natürlich wird man, wenn man viel in Industriegebieten unterwegs ist, noch einige dieser Betriebe überall in Europa finden, oftmals Zulieferer für andere Unternehmen, die mit einem alten, aber funktionierenden Maschinenpark Teile produzieren, die in ihrer Art seit vielen Jahrzehnten unverändert hergestellt werden. Doch die Anzahl an Unternehmen, deren Name noch heute eine solche Bedeutung für den eigenen Produktionsbereich haben und die so eng mit qualitativ hochwertiger Arbeit verbunden sind, dürfte nicht mehr allzu hoch sein. Modernisierung und Produktupdates lassen grüßen.
Brooks hat die aktuelle Produktionshalle in Smethwick 1961 bezogen, doch der Maschinenpark ist größtenteils älter, der Spirit ebenso. Hier werden nicht nur Ledersättel produziert, hier geht es am Ende um ein Icon. Einen zeitlosen Klassiker. Mehr oder minder unverändert seit weit mehr als 100 Jahren. Abhängig vom Modell ein Stahl- oder Titangestell, auf dem ein aus Kernleder gefertigter Aufbau frei schwingt und so Vibrationen aufnimmt und ein komfortables Fahrgefühl vermittelt. Langzeittest inklusive: Der B17 wurde in den 1890er Jahren vorgestellt und gilt somit als das älteste noch produzierte Produkt im Universum Fahrrad.

Stolz ist man auch auf das verwendete Leder, dass außer Brooks noch von Hermès und Louis Vuitton verwendet wird. Brooks bekommt natürlich das Cherry-Picking-Recht, da bei Sätteln der Bedarf an dicken, hochwertigen Lederhäuten weitaus höher ist als bei banalen Taschen oder Gürteln der anderen Premium-Marken. Falls jetzt jemand wie ich auf die Idee kommt und die Preise der genannten Produkte googelt: man bewegt sich dort in anderen Sphären. Ob das Handwerk dahinter sich so weit voneinander entfernt, sei dahingestellt, Werte werden schließlich nicht durch Produkte, Herstellung und Qualität erzeugt. Eine gebrauchte 2008er Birkin Bag kostet € 13.740,-, ein 1960er Brooks Professional in passablem Zustand liegt heute bei USD 85,-. Und doch sind beides Zeugnisse einer Handwerkskunst, die weltweit selten geworden ist.
Brooks fertigt auch die Gestelle vor Ort, alle verwendeten Einzelteile werden gestanzt, gebogen, verschweißt und anschließend in einem galvanischen Betrieb in der Nachbarschaft vernickelt, verchromt oder verkupfert. Parallel werden die Satteloberflächen des dicken Kernleders je nach Modell passend ausgestanzt, mit Hilfe von Wasserbädern und Pressen in Form gebracht, an den Flanken von Hand beschnitten und am Ende mit Hilfe von Nieten mit dem Gestell verheiratet. Wer sich mal einen Brooks Sattel mit Kupfernieten genauer angesehen hat, erkennt die einzelnen Hammerschläge auf der relativ weichen Nietoberfläche und bekommt so einen kleinen Eindruck davon, wie genau man hier mit gezielten harten Schlägen umgehen muss. Schließlich sollte keine Hose an der Kante leiden, der Übergang zum Leder muss lücken- und makellos sein. Wer hier den Hammer schwingt, weiß genau, was er tut und hat das lange gelernt.

Im letzten Jahr hat man in Smethwick zum ersten Mal in der Firmengeschichte die Fabrik für Besucher*innen geöffnet und ein Wochenende der offenen Tür eingeführt, um Interessierten die Möglichkeit zu geben, hinter die Kulissen zu schauen. Man sucht neue, junge Mitarbeiter*innen, die das Handwerk im Werk lernen und bei aller Tradition für das Fortbestehen des Unternehmens essenziell sind. Wer hier anfängt, hat große Chancen, lange im Unternehmen zu bleiben, viele der aktuellen Crew sind bereits seit über 20 Jahren im Unternehmen und haben auch turbulentere Zeiten erlebt. 2002 wurde Brooks von den damaligen Inhabern John Godfrey Macnaughtan und Adrien Williams, die das Unternehmen zuvor aus dem taumelnden Raleigh-Kosmos gekauft und somit vor der Liquidation gerettet haben, mit der Auflage an Selle Royal verkauft, dass die Produktion der Ledersättel im Stammwerk verbleibt. Die Zukunft ist gesichert.

21st Century Saddle
Heute weiß man bei Selle Royal um die Geschichte und hat gerade in den letzten Jahren die Weichen für eine Zukunft mit dem Respekt vor der Tradition und der Bedeutung des Unternehmens gestellt. Hier geht es nicht darum, den Massenmarkt zu erobern, hier geht es darum, die Wertigkeit und Einzigartigkeit der Produkte klar zu kommunizieren und Brooks für die nächsten 100 Jahre fit zu machden. Das Sortiment geht seit vielen Jahren über die Ledersattelproduktion hinaus, das mit einer Oberfläche aus Naturkautschuk gefertigte Pendant Cambium wird heute in Italien produziert und trägt nicht unerheblich zum Firmenumsatz bei. Dazu ziert das Logo mit den verbundenen OOs heute hochwertige Taschen, Griffe, Lenkerbänder und Körbe, die Marke ist über den Sattel hinaus fester Bestandteil der urbanen Fahrradkultur. Doch auch bei den Sätteln tut sich immer wieder etwas. Limitierte Editionen in Sonderfarben sind zwar schwer zu realisieren, weil man eine Mindestanzahl an Häuten färben muss, aber sie sind zurecht heiß begehrt. Auch bei einem perfekten Produkt gibt es immer wieder Möglichkeiten zur Veränderung.

Auch wenn sich niemand einen Brooks B17 auf ein neues Orca Terra Race schrauben wird, so hat doch ein Blick in unsere Reisegruppe gezeigt, wie vielfältig die Einsatzmöglichkeiten der Ledersättel auch heute noch sind. Ob die klassische Gazelle wie bei den Kollegen von Radlust in Berlin, Falträder wie bei Bicicli, als Touren- und Trekkingsattel für die Langstrecke, für den restaurierten Rennrad-Klassiker oder das stylische Stadtrad: die Geschichten rund um die Sättel sind so vielfältig wie ihre Besitzer*innen. Und die Tatsache, dass ein Brooks im Falle eines Falles auch mal repariert werden kann, kann alle die beruhigen, die sich nach dem Einfahrprozess so sehr an ihren eigenen Sattel gewöhnt haben, dass sie nichts anderes mehr fahren wollen. Hier kann man übrigens direkt auf die Kollegen von Pues nach Münster verweisen, die mit KnowHow, entsprechenden Werkzeugen und viel Leidenschaft sich in Mitleidenschaft gezogenen Sätteln aus Birmingham annehmen.
Man hat uns am Anfang in der Mütze oft als Retro bezeichnet, ein Begriff, den ich persönlich eher unpassend fand, weil ich im hier und jetzt zuhause bin und daran auch weder etwas ändern möchte noch kann. Ich mag hochwertige Stahlrahmen nicht deshalb, weil sie so schön retro sind, sondern weil sie für mich auch heute noch eine wunderbare und zeitgemäße Option für zahlreiche Einsatzzwecke sind. Die Sättel von Brooks atmen einen ähnlichen Spirit, sie sind auch heute noch eine gute Option für Menschen, die ihren ganz speziellen Sattel für ihr Rad suchen und dabei weniger aufs letzte Gramm als mehr auf den „perfect fit“ nach der Einfahrzeit achten. Und die ihren ganz persönlichen Sattel haben wollen, der nicht aus dem 3D-Drucker kommt.

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