Schotter, Kies, Moos und ein ganz besonderer Prolog

Am 1. September luden wir zum zweiten Mal auf einen staubigen Tag unter dem Titel Schotter, Kies & Moos in die Landeshauptstadt. Bereits einen Tag zuvor meißelte uns ein Auftakt der Extraklasse ein Grinsen von Ohr zu Ohr ins Gesicht: mit Tom Ritchey stattete eine der spannendsten Persönlichkeiten des Radsportuniversums Düsseldorf einen Besuch ab. Für uns und einige Gäste ein willkommener Anlass, gemeinsam auf die wunderbaren Räder zu steigen.

Erstmal tut es uns leid. Dass wir vorher nix sagen konnten. Aber hätten wir angekündigt, dass Tom Ritchey gemeinsam mit Frau Martha und einigen Freunden und Mitarbeitern in Düsseldorf ist, um mit uns eine kleine Runde mit dem Rad zu drehen und sich die Umgebung anzusehen, so wäre die Anzahl an Mitfahrer/innen schlichtweg zu groß geworden. Und die Ausfahrt somit nicht zu realisieren.

Ehrlich: wir hätten euch alle gerne mitgenommen.

Davor

Unser Schotter-Wochenende begann bereits am Freitagabend bei einem lockeren Abendessen im Olio. Die just aus den USA eingetroffenen Tom und Martha Ritchey, der langjährige Schweizer Wegbegleiter Andi, Europas Ritchey-Crew Jeff und Njego, dazu Fotograf, Filmemacher und Langstreckenfan Ryan Le Garrec und das Team der Mütze: ein illustrer Kreis Fahrradenthusiasten, gesegnet mit Humor, Hunger und Durst. Gesprächsthema Nummer 1: das sportliche Fahrrad in alle seinen Facetten und Darreichungsformen. Dazu brachten wir alle ausreichend Neugier bzw. Lust auf lokale Brauereierzeugnisse mit, so pegelte der Uerige-Vorrat im Olio am Ende des Abends nahe Null.

Nach dem Bier ist vor der Tour, der Samstagmorgen startete daher mit einem leicht verspäteten Ritt mit der Ritchey-Crew quer durch die Düsseldorfer Innenstadt zur Mütze. Auf dem Hof wartete ein buntes Peloton geladener Freunde des Mützen- und/oder Ritchey-Umfelds auf den Start der Ausfahrt, doch erstmal lockten Plaudereien, Espresso, Bananenbrot. Und ein bestens gelaunter Tom freute sich über interessierte und kompetente Gesprächspartner. Themen? Fahrrad in allen Facetten, gerne Abteilung Rahmenbau.

#tomsride – Schottern I

Losgelöst vom Zeitplan rollten wir irgendwann vom Hof der Mütze, Tom und Martha locker-lässig auf einem mitgebrachten Prototypen des neuen Ritchey-Breakaway-Tandems. Die von uns geplante kleine Tour war darauf angelegt, ein Bild von Düsseldorf und seiner Umgebung zu zeichnen, das die unterschiedlichen Gelände und Topografien abbildet. Kleine Hügel, Schotter, Waldwege, Singletrails zwischen Ratingen und Angermund, für Tom selbst mit dem Tandem lockeres Geläuf. Der Rhein wurde stilecht per Fähre zwischen Kaiserswerth und Langst überquert, ein willkommener Anlass für weitere Gespräche, Selfies und Anekdoten. Auf der anderen Seite angekommen führte der Weg durch Sand und Schotter über Langst, Kierst und Meerbusch, schließlich über die Kniebrücke zurück zur Mütze. Sonne und Teilnehmer/innen strahlten um die Wette, fast so als würde Kalifornien am Rhein zu finden sein…

Es folgte ein Nachmittag mit Pastasalat, Snacks, leckerem Bier und guter Laune. Tom signierte eigens aufgelegte Emaillebecher, T-Shirts und einige der letzten legendären TR-Bobbleheads, gab diverse Interviews und freute sich über Gespräche mit interessierten Rad-Aficionados. Alle, die am Nachmittag mehr oder minder zufällig in den Hof der Mütze gerollt kamen, waren erstaunt, eine der weltweiten Rahmenbau-Ikonen entspannt plaudernd und fachsimpelnd vorzufinden. Die Begeisterung für das Fahrrad eint und Tom ist in dem Themenbereich einer der kompetentesten und erfahrensten Gesprächspartner, die man erleben darf. Ein Überzeugungstäter, dem praktischer Nutzen und Funktionalität wichtig ist, fernab von Eitelkeiten und Bling-Bling-Attitüde. Man spürt bei jedem Wort, bei jeder Geste, dass seine Leidenschaft der handwerklichen Arbeit am Rad, der praktischen Umsetzung in allen Facetten gilt. Ein Blick auf seine Hände reicht aus, um dies zu bestätigen.

Die entspannte Neugier, die Tom für die unterschiedlichsten Themen aufbringt, kommt vom Herzen und scheint der Motor seiner eigenen dauerhaften Suche nach neuen Ideen und Lösungen zu sein. Ob gesellschaftliche Fragen oder Gespräche über den Sinn einiger neuzeitlicher Entwicklungen der Fahrradindustrie, Tom ist ein aufgeschlossener, interessierter und reflektierter Gesprächspartner und Quell unzähliger Geschichten. Kaum verwunderlich, wenn man bedenkt, dass er, als er Ende der 70er Jahre im Alter von 24 Jahren zusammen mit Joe Breeze, Gary Fisher und einigen anderen die Radsportwelt mit einem komplett neu entwickeltem Rad namens Mountainbike revolutionierte, bereits unzählige Rennradrahmen selbst gelötet hatte und nebenbei äußerst engagiert und erfolgreich Radrennen in Kalifornien gefahren war. Ein sehenswerter Film seines Sohnes beleuchtet viele dieser Aspekte sehr deutlich.

Große Anerkennung zollt Tom immer wieder seinen 2015 verstorbenen deutschstämmigen Freund und Mentor Jobst Brandt, Sohn des 1933 vor dem Nazi-Regime geflohenen deutschen Ökonomen Karl Brandt. Tom lobt Jobst epische Tagestouren ins Umland von Palo-Alto ebenso wie sein Verständnis für Konstruktion, Design und Mechanik. Die strukturierte, lösungsorientiert Art der Auseinandersetzung des Ingenieurs mit technischen Aufgaben gehört für Tom zu den Dingen, die er gern mit Deutschland und unserer Art zu denken und arbeiten verbindet, Stichworte German Engineering und Made in Germany.

Jobst Brandts Bedeutung für die Entwicklung des modernen Rads wird durch sein 1982 veröffentlichtes Buch The Bicycle Wheel deutlich, gehört dieses doch nach wie vor zu den absoluten Standardwerken der amerikanischen Radliteratur. Der für Porsche, Hewlett-Packard und die legendäre Radmarke Avocet tätige Brandt gilt für Tom Ritchey als einer der absoluten Urväter und Vorläufer des derzeitigen Graveltrends. Wer sich Bilder von Brandts Touren im Netz ansieht, versteht, was Tom meint. Jobst hatte auch mit dem Renner keine Angst vor exzessiven Touren auf unbefestigten Wegen, sowohl in Kalifornien als auch bei seinen Besuchen in Europa. (Neugierige klicken mal hier und wundern sich über Bilder aus den 60ern mit langhaarigen Surfern auf Stahlrennern irgendwo in den Alpen – Kings of Cool)

Auch Toms eigene Biografie, seine Leidenschaft für den Straßenrennsports, sein Anspruch und Mut, eigene Rahmen zu löten, sein Schaffen rund ums Mountainbike und sein Bestreben, Fahrräder nicht auf ein Terrain zu limitieren, sondern so breit wie möglich nutzen zu können, all dies wird heute im Idealfall von einem guten Gravelbike umgesetzt – eine Art Schweizer Taschenmesser unter den sportlichen Rädern.

Am frühen Abend brachen Tom und Martha auf, um den Rest des Tages ruhig zu verbringen. Wir ließen vor der Mütze einen großen Tag ausrollen und bereiteten uns auf die zweite Ausgabe von Schotter, Kies & Moos vor. Derweil zogen nahezu unbemerkt einige ordentliche Windböen knapp an Düsseldorf vorbei, mit Ergebnissen, die am Sonntag für unsere Mitfahrer/innen die Größe der Herausforderungen deutlich erhöhen sollten.

Schottern II…

Doch erstmal ging es am Sonntagmorgen ab 7:30 Uhr im Hof der Mütze mit kräftigem Espresso und unserem Frühstücksklassiker Bananenbrot, aber auch einigen Tropfen Regen aus einem grau verhangenen Himmel weiter. Knapp 100 Fahrer/innen hatten sich in Teams von zwei bis sechs Gravelistas formiert, um eine der zwei Strecken zu absolvieren. Unter nachbarschaftlichen Protesten rollten die ersten Teams der 120 Kilometer langen Strecke ab 08:00 Uhr gut gelaunt vom Hof der Mütze, im Anschluss dann die Fahrer/innen der 70 Kilometer langen Route, die gegenüber dem Vorjahr deutlich an das Niveau der langen Runde angepasst wurde.

Nach zwei Stunden erreichten uns von vielen Seiten Nachrichten über die Schäden, die die Windböen im Ratinger Umland verursacht hatten, ganze Bäume lagen quer auf Wegen, stellenweise über komplette Schienentrassen und Wege hinweg, so dass alternative Routen gesucht werden mussten. Ein Fest für alle Besitzer/innen des neuen Wahoo Roam, der schnell Ausweichrouten parat hat. Dass einige uns genau deshalb im Verdacht hatten, für diese zusätzlichen Herausforderungen verantwortlich zu sein, befördern wir unkommentiert mit einem Lächeln auf den Lippen ins Reich der Fabeln. Wir machen alles Mögliche, aber wir reißen keine Bäume aus.

Auf einer Asphalt-Abfahrt der langen Strecke führte ein unheilvolles Gemisch aus Regen, Dreck und Fallobst zu einem rutschigen Abschnitt, der eine größere Gruppe an Fahrer/innen zum Opfer fiel.

Am späten Vormittag lockerte die Wolkendecke auf, die Straßen trockneten komplett ab und die Sonne zeigte sich immer mehr. Genau richtig für alle, die unsere Verpflegungsstation unweit des Angermunder Sees anfuhren, um Wasser und Kalorien nachzufüllen.

Die Strecken führten die Teams im Anschluss auf Schottertrassen entlang des Flughafens zum Rhein, der in diesem Jahr per Fähre überquert wurde. Auf der westlichen Rheinseite teilten sich die Routen wieder – während die 70 Kilometer-Runde relativ direkt Richtung Mütze wies, bot die 120er Tour noch einen Abstecher Nierst, Lank, Strümp und Ilvericher Altrheinschlinge.
Rückkehrende Teams durften sich auf kaltes Uerige aus dem Fass und heiße Pasta mit pikanter Sauce im sonnendurchfluteten Hof freuen. Genau die richtigen Zutaten, um in entspannter Atmosphäre den Schotter-Tag mit Essen, Trinken, Preise abräumen, plaudern und Räder putzen locker ausklingen zu lassen.

Fazit: Alles prächtig. Ein Samstag aus dem Bilderbuch, da unsere gut gelaunten, tiefenentspannten Ehrengäste jeden Gastgeber glänzen lassen. Wir freuen uns, mit Tom und Martha Ritchey zwei tolle Menschen kennen gelernt zu haben, die wir hoffentlich nochmal in Düsseldorf begrüßen dürfen. Ihr Besuch zählt zu den absoluten Höhepunkten der an besonderen Momenten nicht armen fünfjährigen Geschichte der Mütze. Es macht Spaß mit einer Firma wie Ritchey zu arbeiten, weil sich der positive Spirit durch das gesamte Unternehmen zieht. Hier strahlt Kaliforniens Sonne aus den Herzen.

 

Große Komplimente aus berufenem Munde hat unser Schicke Mütze Team für seine Begleitung und professionelle Betreuung der Samstagsrunde erhalten. Ein Statement, dem wir uns nur anschließen können, Danke an Tom, Ivo, Andreas, Andreas, Michael und alle anderen, die geholfen haben, die Gruppenausfahrt zu einer entspannt rollenden Veranstaltung zu machen.

Und was war am Sonntag?

Unsere Modifikationen der Strecken bekamen Komplimente, genau wie die Organisation vor, während und nach der Ausfahrt. Wir selbst sehen noch Kleinigkeiten, bei denen Luft nach oben ist, aber es ist beruhigend, wenn diese Punkte den Teilnehmern nicht auffallen. Es gab anscheinend kein negatives Feedback andere Passanten, zumindest hat es uns nicht erreicht. Ein für uns wichtiger Punkt, einfach weil wir eine solche Veranstaltung nur machen können, wenn auf allen Seiten Toleranz geübt wird.

Einziger Wehmutstropfen war ein unglücklicher Sturz, der nicht ohne Folgen bleib, die aber mittlerweile weitestgehend behoben sind. So etwas passiert, ärgert uns aber dennoch. Und erinnert uns alle daran, immer vorsichtig unserem liebsten Hobby nachzugehen. Aber manchmal legt man sich halt ab.

Gefreut haben wir uns über unsere Gäste aus den Niederlanden und aus Belgien. Hier kamen Komplimente für die Sonntagsrunde von kompetenten Kennern der Materie.

Wir bedanken uns bei Ritchey, Wahoo, Biehler und Clif Bar für die Unterstützung. Ihr helft, solche Wochenenden möglich zu machen.

Viel Spaß bei der weiteren Lektüre:

Clemens Henle hat in der Rheinischen Post seine Eindrücke von #tomsride zusammengefasst.

Pascal Kurschildgen von Gravelnews.de war bei SKM2019 dabei.

Genau wie Annette von den Radflamingos!

Und was kommt jetzt?

Aktuell rollen die Planungen für ein kleine Gravelveranstaltung im Oktober. Ab dem ersten Sonntag im November freut sich die Rennradgemeinde dann wieder auf unsere Winterschlampenparade, die sonntägliche Winterrunde für alle wetterfesten Renn- und Schotterradler.

Gemeinsam mit dem Cycling Club Düsseldorf kümmern wir uns derzeit um die erste Ausgabe des Bombtrack NRW Crosscups in der Landeshauptstadt. Noch gilt es, den Ort des Geschehens für den 10. November zu fixieren, um dem ersten Wintercrossrennen in Düsseldorf eine angemessene Location zu verpassen. Mehr dazu demnächst…

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