Frauenbewegung Rennrad

Sexistische Kackscheiße. Wir sitzen alle rundum zufrieden mit unserer ersten Ausgabe der „Frauenbewegung Rennrad“ unter dem Vordach der Schicken Mütze und dieser Kraftausdruck, den Theresa auf einen großen, grellen Sticker hat drucken lassen, trifft meine Gefühlslage genau auf den Punkt. Er hat etwas von dem „Trotzdem!“, das ich seit Kindertagen von mir kenne, wenn mir die Argumente ausgegangen waren, ich aber unbedingt etwas wollte. 

Frauenbewegung Rennrad ist eine Herzensangelegenheit. So viel steht fest.

Und damit bin ich nicht allein. Theresa und Sandra (Wild Women Wuppertal), die “unglaubliche” Heike und Miriam, sie sind mit dabei, als wir beschließen, die Frauenausfahrten der Schicken Mütze wieder neu zu beleben. Auch Susi macht mit, mit der ich zusammen das Stutenbeiken 2015 aus der Taufe gehoben hatte, das wir mit großem Anklang monatlich durchgeführt haben, bis wir beide aus unterschiedlichen Gründen eine Pause einlegen mussten. An dem Titel Stutenbeiken hatten sich viele gestört – nicht jeder versteht offenbar unseren Humor – aber viele erinnern sich noch gern an die Ausfahrten und wir haben ständig Anfragen bekommen, ob wir sie noch machen. Aus ihnen haben wir einen großen Erfahrungsschatz gewonnen, den wir jetzt in die Frauenbewegung mitnehmen. 

Zum Beispiel, dass wir uns nicht dem selbstauferlegten Zwang unterwerfen, jeden Monat am Start zu stehen. Aber auch, dass wir die Last auf mehr Schultern verteilen können. Wir sind jetzt mehr. Und wechseln uns – ganz Rennradfahren – an der Spitze einfach mal ab.

Überhaupt finden wir, dass das Netzwerk der Rennrad (und Gravel und MTB und Fixie und…) fahrenden Frauen gestärkt werden könnte. Wir denken Frauenbewegung schon ganz schön groß. Und das schließt alle möglichen Akteure ein. Ich schreibe jetzt extra nicht Akteurinnen, obwohl ich ausschließlich Frauen damit meine, denn meine Empfindlichkeiten beim Thema Gleichberechtigung von Frauen und Männern (und allen, die man in keine dieser Kategorien einteilen kann) liegen woanders.

Allein in unserer unmittelbaren Düsseldorfer Nachbarschaft passiert jede Menge. Da ist zum Beispiel Jule – Jule radelt. Oder Maren – Ich hasse laufen. Frauen, die herzerfrischend über ihr Radfahren bloggen. Sie lassen uns an ihren Erfahrungen, ihrem Glück, ihren Kämpfen und ihrem Scheitern teilhaben. Wir freuen und leiden mit und: lassen uns motivieren. Zu den Akteuren zähle ich auch die vielen Facebook Gruppen für Frauen, über die man sich zu Technik, Klamotten und auch „echten“ Frauenthemen austauscht. Nicht vergessen will ich die Arbeit der Vereine, in denen Frauen Mitglieder sind. Wer es richtig ernst meint mit dem Rennrad und auch Radrennen fahren will, der wird auf lange Sicht um einen Verein nicht herum kommen. Aber auch Nicht-Vereinsmitglieder können an den Ausfahrten des CCD in Düsseldorf teilnehmen – zum Beispiel an der Mittwochs-Frauenrunde, die jetzt schon ein paar Mal stattgefunden hat. Einen reinen Frauenverein gibt es noch nicht, aber man hört, dass er sich in Gründung befinden soll.

So weit so gut, oder? Warum also diese „sexistische Kackscheiße“ und der Ausschluss von Männern von unseren Ausfahrten, wenn umgekehrt Frauen überall mitfahren dürfen? Ist das nicht ein Rückschritt?

Ich hatte ja schon erwähnt, dass ich da so meine eigenen Empfindlichkeiten habe. Ich finde es toll und es macht mich stolz, wenn ich als Frau mit Männern – ganz gleich auf welchem Gebiet – mithalten kann, wo man es mir als Frau eigentlich nicht zutraut. Das ist vielleicht mit dem Gefühl eines 60-Jährigen zu vergleichen, der noch locker an den 30- bis 40-Jährigen vorbeizieht, denn es hat oft mit den körperlichen Grundvoraussetzungen zu tun. Auf einem meiner Lieblings-T-Shirts steht: „Du sollst dich nicht vergleichen.“ Tu ich aber doch. Und versuche gleichzeitig, mich immer wieder daran zu erinnern, es nicht zu tun. Eigentlich doof, dass das so ist, hat aber damit zu tun, dass gewisse Spielfelder nun mal hauptsächlich von Männern besetzt sind.

Um wieder den Blick von mir abzuwenden, schauen wir doch mal auf Frauen, die echte sportliche Höchstleistungen bringen: Die Frauen der Donnons-des-elles-au-vélo sind alle Etappen der Tour de France jeweils einen Tag vor dem Peloton der Tour abgefahren. Natürlich nicht so schnell wie die Profis der Männer, aber schließlich auch unter anderen Voraussetzungen – im Alltagsverkehr. Eine Strecke, von der wahrscheinlich 95% der Bevölkerung behaupten würde, dass sie nur unter Zuhilfenahme von systematischem Doping überhaupt zu bewältigen sei. Siehste guck, solche „unmenschlichen“ Leistungen können auch Frauen. Sie hätten es verdient, mehr Aufmerksamkeit und eine eigene Tour de France dafür zu bekommen. Mit ihrer Gruppenaktion haben sie erreicht, dass man sie wahrnimmt. 

Wir sind viele.

Frauenbewegung Rennrad – Vol. 01 from Schicke Mütze on Vimeo.

Das ist das Gefühl, das Frauenausfahrten vermitteln. Nicht nur den Frauen selbst. Immer wieder schön die Reaktionen von Passanten, an denen wir vorbeifahren: „Das sind ja alles Frauen!“ Um solche Sätze auszulösen reicht es, wenn man zu sechst auf der Strecke ist. Unbeschreiblich sind dagegen die Kinnladen, die bei einer Gruppe von vierzig oder mehr Frauen herunterfallen, wenn man am „Weltfrauentag“ der Radfahrerinnen, den Rapha mit der Women’s 100 etabliert hat, unterwegs ist. Wen wundert’s, dass wir wieder dabei sind? Seit der ersten Ausgabe in 2013 haben wir jedes Jahr eine Veranstaltung dazu angeboten. 2017 konnte ich selbst nicht fahren, dafür haben Miriam, Daniela, Ellen, Nicole und Susi einen top Job als Guides gemacht. In diesem Jahr fällt er auf den 15. September, einen Samstag. Auf der Rapha Seite findet ihr unsere Ausfahrt genauso wie auf Facebook und auf Strava.

Viele Frauen fragen nach Frauenausfahrten, weil sie sich dort nicht so unter Leistungsdruck gesetzt fühlen. Weil sie mit mehr Rücksicht rechnen und insgesamt ein entspannteres, Testosteron-befreites Fahren suchen. Und das ist auch okay so. Obwohl man rücksichtsvolle Mitfahrer, die es selbst gern entspannter angehen, nicht nur unter Frauen findet. Man muss halt die richtige Gruppe finden, ganz gleich, ob das Männer oder Frauen sind. Ob man mit dem Tempo und der Stimmung in einer Gruppe klar kommt, erfährt man nur dadurch, dass man es versucht.  Kleiner Tipp: Schicke Mütze Ausfahrten sind generell keine Trainingsrennen im Last-Man-Standing-Modus, sondern sportlich, aber entspannt.

Bei der Frauenbewegung nehmen wir sicherlich noch ne zusätzliche Schippe Rücksicht auf die Schwächeren, aber wir erwarten auch Rücksicht von ihnen. Das heißt, man muss sich mit dem Gruppenfahren an sich auseinandersetzen und nicht für die erste Probefahrt auf dem Rennrad ein Gruppenerlebnis suchen. Wer merkt, dass die eigene Form so gar nicht zu der der anderen passt, der ist auch als Frau groß genug, bescheid zu geben, die anderen ziehen zu lassen, und eine eigene Runde gutgelaunt zu Ende zu bringen. Das ist keine Schande. In der Regel werden wir aber die Gruppe ins Ziel bringen, mit der wir auch gestartet sind.

Sandra, Theresa, Heike, Susi, Miriam und ich haben so einige Ideen für die nächste Zeit und freuen uns darauf, das Netzwerk der Rennradfahrerinnen weiter zu spinnen.

Kerstin

Der Link zum neuen Club bei Strava: Frauenbewegung

Und zur aktuellen Ausfahrt bei: facebook