Der große Aufbruch – Düsseldorf nach der Tour de France

grnddprtdssldrf-1940

Es ist mehr als eine Woche her, seit der Tross der Tour de France Düsseldorf in Richtung Lüttich verlassen hat. Im Peloton ist seither viel passiert, Stürze und Sprintduelle haben prominente Opfer gefordert. Wir selbst brauchten nach dem Grand Départ etwas Ruhe. Regeneriert gestatten wir uns nun einen Rückblick und einen klitzekleine Ausblick nach vorn. Schließlich hoffen wir ja fast alle, dass der Tour-Start positive Auswirkungen auf unsere Heimatstadt hat.

Tour de France und Düsseldorf. Im Juli 2014, als wir die Schicke Mütze eröffneten, waren diese zwei Punkte unglaublich weit voneinander entfernt. Düsseldorf konnte vieles, aber kein Fahrrad. Und die amtierende Lokalregierung ließ auch nicht den Verdacht aufkommen, als wolle man sich in der nächsten Zeit anders orientieren. Eine Wahl mit unerwartetem Ausgang später sah das dann anders aus. Die Nachricht im Dezember 2015, dass Düsseldorf Gastgeber des Grand Départ wird, löste bei uns und vielen unserer Freunde Begeisterungsstürme aus. Unsere Euphorie war vielleicht etwas zu groß für eine Stadt wie Düsseldorf, die noch 1999 „Dank“ Joachim Erwins Tat, den Radweg auf der Luegallee zu entfernen, von der Presse „autofreundlichste Stadt Deutschlands“ genannt wurde, aber als Radfahrer bringen wir ja auch eine gewisse Portion Leidensfähigkeit mit. Dass es in einer solchen Stadt mehr als ein Event bedarf, um einen Richtungswechsel in Köpfen zu etablieren, wurde deutlich. Und für uns zum Anspruch, uns zu beteiligen. Mit Aktionen, die nicht nur den sportlichen Faktor betonen, sondern den Schwenk über Verkehrspolitik hin zur Kultur möglich machen und so eine breite Begeisterung für das Radfahren entfachen.

Grand Départ Düsseldorf El Flamingo

Unser Versuch, uns im Rahmen von Düsseldorfs einzigen verbliebenen Rennen, „Rund um die Kö“ zu engagieren, die Veranstaltung frischer und zeitgemäßer zu gestalten, war sicher mutig und richtig, doch wir mussten lernen, dass der Wille zur Rundumerneuerung im etablierten lokalen Radsport wenig ausgeprägt ist. Unabhängige Events, wie das gemeinsam mit dem Open Source Festival organisierte Bicycle Film Festival bewiesen uns jedoch, dass wir mit den richtigen Partnern Dinge bewegen können. Die Resonanz der Besucher und des New Yorker Gründers Brendt Barbur auf das fast komplett ausverkaufte Festival war großartig und für uns Anlass, das BFF auch 2018 wieder nach Düsseldorf holen zu wollen.

GRAND DÉPART DÜSSELDORF – Unofficial Course Preview from El Flamingo Films on Vimeo.

Welch weite Kreise der Tour-Start in Düsseldorf zog, lernten wir in den letzten eineinhalb Jahren, in denen sich unzählige Journalisten und Blogger, die an uns herangetragen wurden, für die lokale Geschichte und Kultur interessierten und uns bei Touren in das vielfältige Umland Düsseldorfs begleiteten und darüber schrieben. Ob Clive Pursehouse vom amerikanischen Peloton-Magazine oder Sally Newall vom englischen Independent, ihre Stories über unsere Heimatstadt aus komplett unterschiedlichen Blickwinkeln haben auch uns ein klein wenig stolz gemacht. Während des Grand Départ berichtete das Team von BBC BeSpoke on Tour direkt vom Hof der Mütze, das Video mit der Diskussion um lokale Biervorlieben werden wir nicht so schnell vergessen. (BTW: Dank an den Cycling Club Düsseldorf für den Kontakt!) Und Christoph Siemes Artikel in der Zeit, „Den Profis um Längen voraus“, der die erste Etappe aus den Augen eines kulturbegeisterten Fahrers mit Blick aufs Besondere vorwegnimmt, beleuchtet über den Radsport hinaus viel andere Facetten Düsseldorfs und seiner Umgebung, die Reise nach Lüttich macht vom ersten bis zum letzten Wort Spaß.

NRW-Forum_MTDF-plakat1

Darüber hinaus konnte Düsseldorf mit kreativen Events punkten. Als Beispiel für eine gelungene Verknüpfung von Radsport, Verkehrspolitik und Kultur im Vorfeld der Tour müssen wir unbedingt das Engagement des NRW-Forums loben. Eine Aktion wie die mit denken3000 realisierte Free Bikes-Kampagne, die zu den kreativsten und hoffentlich nachhaltigsten Ideen rund um den großen Aufbruch zählt, dazu die tolle „Mythos Tour de France“ Ausstellung und der Rapha Pop-up Store im ersten Stock machten das Museum zu einem der Hot-Spots für Besucher im Vorfeld der Tour. Raphas Düsseldorf-Film, in dem wir gemeinsam mit Steffen Weigold vom lokalen Orga-Team als Botschafter für die Radkultur Düsseldorfs fungieren durften, war international sicherlich eine schöne Visitenkarte für Radfahren in Düsseldorf. Und selbst die Einheimischen fragten uns, wo das denn alles gedreht wurde, weil es so toll aussieht.

Rapha Rides Düsseldorf from RAPHA on Vimeo.

Wenig verwunderlich war dann auch die Resonanz auf die Serie an Ausfahrten, zu denen wir gemeinsam mit Rapha einluden. Immer mehr als siebzig Anmeldungen plus endlose Wartelisten zeigten, dass Rennrad und Düsseldorf gut zusammen passen und das Umland abwechslungsreiche Touren für jedes Leistungsniveau ermöglicht. Die Tour de France wurde somit zum Motor für eine Szene rund ums Rad, wie gewünscht und zum Teil prognostiziert. Wenn auch manchmal anders als gedacht.

Doch wir sind nicht nur mit Rapha Rad gefahren. Zusammen mit unseren Partnern POC, Wahoo , pOcpac und listnride luden wir am Mittwoch vor Tour-Start zu Kaffee, Kuchen, Fragestunde und anschließender Ausfahrt Richtung Willich ein. Wir durften Alberto Bettiol, Paddy Bevin, Tom-Jelte Slagter und Tom van Asbroeck vom „Cannondale-Drapac“-Team sowie Chris Tonge vom „Tour Against Cancer“-Team begrüßen.

schickemütze_poc_ddorf_tdf_1-2

Als ganz besonderen Special Guest hatten wir auf unserer Ausfahrt spontane Unterstützung der Polizei Düsseldorf, die unser beeindruckendes Peloton von der Oberkassler Brücke bis zur Stadtgrenze mit der Warnung „Achtung Tiere“ mit freier Fahrt begleitete. Welch unfassbare Wirkung solche kleinen Gesten haben können, konnte man bis in den Abend hinein bei unserer Grillsause beobachten – das Grinsen war allen TeilnehmerInnen der Ausfahrt ins Gesicht getackert. Besser hätte sich Düsseldorf als Stadt des Radsports und der Radkultur im Kreise von Profis und Freizeitradlern nicht präsentieren können.

Cannondale Drapac

Auch wenn wir am Donnerstag nicht oft aus dem Innenhof der Mütze kamen, so war doch deutlich, dass Radsportbegeisterte aus der ganzen Welt in die Stadt strömten. Die Teampräsentation am Abend war gut besucht, die Stimmung am Rhein und in der Altstadt, wo das Uerige mit einer komplett gelben Straße punktete, wirkte ansteckend.

Perfekte Hand-in-Hand-Arbeit unserer Partner gab es dann am frühen Freitagmorgen bei uns vor der Tür zu sehen. Wahoo-Computer wurden auf Testräder von Ridley und Ritchey montiert, die sich Mitfahrer via listnride-Portal bereits im Vorfeld reserviert hatten. Gäste wie Radsportland-Macher-Henning Bommel und sein Bahnvierer-Kollege Nils Schomber rollten mit Jedermännern aus der Stadt, um unsere 6-Hügelrunde unter die Räder zu nehmen.

wahooritchey-1637

In der Mütze starteten parallel die Vorbereitungen für unsere Abendveranstaltung, das Mützenfest. Musik, Bier und Nudelsalat sind bekanntlich eine magische Kombination, der fast kein Radfahrer widerstehen kann. Somit war es nicht verwunderlich, dass der Hof ab 19:00 Uhr voll war und wir in glückliche Gesichter schauten, die voller Vorfreude auf den Start der Tour entspannt mit uns feierten. Ein Abend, der alle Anstrengungen im Vorfeld wert war, weil die Atmosphäre förmlich strahlte. Danke dafür an alle unsere Gäste, es war toll mit euch zu feiern. Wir warten garantiert nicht bis zum nächsten Tour-Start in Düsseldorf, um das zu wiederholen.

Mützenfest Abend

Samstag zeigte sich das Wetter bekanntlich nicht von seiner besten Seite, dennoch waren die Straßen schon lange vor dem Start des Zeitfahrens mit Zuschauern gefüllt. Traurig waren nur die Stürze, so machte die regennasse Fahrbahn Alejandro Valverdes Ambitionen auf eine erfolgreiche Tour nach wenigen Kilometern ein Ende. Am späten Nachmittag besserte sich das Wetter, zum Konzert von Air und Kraftwerk vor dem NRW-Forum lachte auch die Sonne wieder zwischen den Wolken hervor. Wenig verwunderlich angesichts der unglaublich positiven Stimmung, die während des Konzerts herrschte. Kraftwerk, bereits seit den Siebzigern das internationale Aushängeschild unserer lokalen Musikkultur, ist dazu noch die Band, die sich wie keine andere den Radsport in die Vita geschrieben hat. Hier passte bei fettem Bass und 3-D-Visuals einfach alles zusammen, sicherlich auch für den Teil der 15000 Besucher, die mit Radsport bis dato wenig Positives zu verbinden wussten.

Tour de France DSSLDRF 1 Mütze

Und dann kam der Sonntag. Bessere Wetterbedingungen und die große Frage, wie die Stimmung auf den Straßen sein wird. Antwort: perfekt. Am frühen Morgen aufgrund der Sperrungen für den Autoverkehr eine wunderbare, fast unwirkliche Ruhe in der Stadt. Und dann, zur Werbekarawane und danach, strömten immer mehr Menschen auf die Straßen. Ganze Hausgemeinschaften nebeneinander, neugierig, gefesselt, auf den Augenblick wartend, wann die ersten Profis durch die Stadt rollen. Deutsche und französische Polizeimotorräder Seite an Seite erhöhten die Spannung, dann vier Ausreißer. Und dann das Feld. Zwei Augenzwinker, dann war es vorbei. Viele suchten eine zweite Stelle, um das Peloton beim zweiten Lauf durch unsere Stadt auf dem Weg nach Lüttich zu sehen. Und dann waren die Straßen leer. Ruhig. Weit. Für uns ein weiterer Höhepunkt. Zu sehen, wie viel Platz in der Stadt ist, wenn wir mal aufs Auto verzichten. Wie ruhig es ist. Ein Nebeneffekt, der in der Berichterstattung danach unterging, aber in den Gesprächen seither vielen positiv aufgefallen ist.

Tour de France DSSLDRF 3 Mütze

Uns war es von Anfang an wichtig, die Tour auch zum Anlass zu nehmen, über den Mobilitätswandel zu reden. Wir wollen mehr Lebensqualität in der Stadt. Wenn wir im Stau stehen, sind wir der Meinung, dass etwas getan werden muss, um den Stau zu verhindern. Doch nur wir selbst können etwas tun, in dem wir oft auf unser Auto verzichten. Mehr Rad fahren. Wir müssen daran arbeiten, dass Kinder mit dem Rad auf unseren Straßen fahren können. Ohne, dass wir Angst um sie haben. Jetzt kann Düsseldorf zeigen, was der Start der Tour de France wert sein kann. Wir sollten nicht über zu hohe Kosten diskutieren, sondern über unbezahlbar positive Folgen. Düsseldorf muss sich dem Wandel stellen. Jetzt. Es gibt keine Ausreden. Und keine Alternativen.